Raub der Gerechtigkeit

Das Gedicht in der Frankfurter Bibliothek

     Raub der Gerechtigkeit     
Martin Bachmaier 2016
"Wer hat mir die Gerechtigkeit geraubt?
Sie ist mein Eigentum. Nun sagt, ihr Buben!"
"Geraubt? O Herr, wir hatten halt geglaubt,
zu schützen sie in Asche unsrer Stuben."
"Wie aber herrscht sie, wenn sie nie gesehn?"
"Von wem? – Muss, Herr, denn jeder sie begaffen?"
"Ihr Affen! Brodelnd soll sie neu erstehn
aus Asche da, um euch hinwegzuraffen!"
 

Klarstellung und Entstehungsgeschichte

Gott ist gerecht; und das gilt für alle Zeit. Man kann Gott die Gerechtigkeit nicht rauben. Warum schreibe ich dieses Gedicht dann?

 

Das liegt an der irischen Betrügerin Maria Divine Mercy, kurz MDM, die angeblich Muttergottes-Botschaften produzierte. Auf Deutsch erschienen sie zunächst auf DieWarnung.net, dann aber unter dem Titel "Das Buch der Wahrheit", worunter die Christen eigentlich die Heilige Schrift verstehen. Eine Frechheit ungeheueren Ausmaßes.

 

Eine dieser Botschaften nun wollte jemand auf gloria.tv diskutiert wissen, sodass ich auf sie stieß. Sollte ich sie wieder finden, werde ich sie verlinken. Sie sprach davon, dass Gott die Gerechtigkeit geraubt worden sei. Aus Asche aber werde diese wiedererstehen, was natürlich mit einer allgemeinen Vernichtung der Bösen einhergeht, Das schaurige Ambiente dieser Botschaft erinnert an die Apokalypse und an das Gedicht Dies irae.

 

Falschprophetie entsteht in der Regel durch Aufbereiten alter, bekannter Prophezeiungen. Poesie und Schaurigkeit geben ihr dann ein attraktives Flair, sodass sie sich gut verkaufen lässt, sei es durch ausgewiesene Preise oder durch Spendenaufrufe. Verstünde Maria Divene Mercy das Handwerkzeug der Poesie nicht, hätte sie auch nicht so viele Leute erreicht.

 

Denken wir daran, dass man, um die sog. Malachias-Prophezeiung an den Mann zu bringen, die ja auch 41 tatsächlich prophetische Vatizinien enthält, sie nicht nur durch Hinzuerfindung von 71 vergangenheitsbezogenen Sinnsprüchen mit dem Mittel der Teilerfüllung interessant gemacht hat, sondern auch durch das schaurige Ambiente zur Interprettion des letzten Sinnspruchs "In persecutione extrema S.R.E. sedebit" ("In äußerster Verfolgung der Hl. Röm. Kirche wird er thronen"), in welchem man nicht davor zurückgeschreckt ist, in Anlehnung an das Dies irae sogar Gott als schrecklichen Richter darustellen, als wäre denn Gott schrecklich.

 

Ein ähnlich schauriges Ambiente hat nun diese Maria Divine Mercy verwendet. Gott sieht sich der Gerechtigkeit beraubt, wird aber in apokalyptischer Manier oder nach Art des Dies irae aus der Asche heraus Rache nehmen:

 

Dies irae dies illa (Tag des Zorns, jener Tag)

solvet saeclum in favilla (wird auflösen die Welt in heißer Asche)

teste David cum Sibylla. (- Zeuge ist David mit der Sibylle -.)

 

Diesen armen Gott, der nun der Gerechtigkeit ermangelt, fand ich letztlich so drollig, dass ich mir dachte, diese Szene in ein Versmaß und in Reime zu gießen. Der Inhalt ist ja bereits poetisch - ein Kennzeichen von Falschpropheitie. Bringt der Inhalt nichts oder nichts Neues, muss halt die Poesie herhalten. Wie das Gedicht zeigt, habe ich aber auch den Inhalt noch etwas erweitert. Dann habe ich das Gedicht beim Frankfurter Gedichte-Wettbewerb der Clemens-Brentano-Gesellschaft eingereicht. Es kam dort in den dicken Jahresband, wurde später aber auch in das kleine Büchlein der ausgewählten Gedichte aufgenommen.

 

Der Grundgedanke des Gedichtes geht aber nach wie vor auf die MDM zurück, und man darf ihn daher nicht auf mich beziehen. Es sollte klar sien, dass ein Gedicht nicht die Wiedergabe der Meinung des Autors sein muss. Die Idee des Raubes der Gerechtigkeit ist nicht meine Meinung; mit dem Rest allerdings gehe ich sehr wohl konform.

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