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Linkes Bild: Stille-NachtKarte zum hundertjährigem Jubiläum 1918

(Text: Joseph Mohr 1816, Melodie: Franz Xaver Gruber 1818)

Rechtes Bild: Die Engel verkünden den Hirten die Geburt Christi

Die latinischen Texte auf dem rechten Bild:

Angelus dicit ad pastores (Der Engel spricht zu den Hirten)

Nolite timere (Fürchtet euch nicht)

Evangelizo vobis gaudium magnum (Ich verkünde euch eine große Freude)

Natus est vobis hodie salvator (Geboren ist euch heute der Heiland)

Stille Nacht auf Latein - O silens nox

Deutscher Originaltext, lateinische Fassung und Rückübersetzung in tabellarischer Übersicht

Für die lateinische Fassung gilt: ein Ton eine Silbe!

Original-Text Lateinische
Fassung
Rück-

übersetzung

Joseph Mohr
1816
Martin Bachmaier  2015
1 .  S t r o p h e

Stille Nacht,

heilige

Nacht!

O silens nox,

providens

nox!

O schweigende

Nacht, vorsich-

tige Nacht!

Alles schläft,

einsam

wacht

Dormiens

omnis

vox,

Schlafend

jede

Stimme,

nur das traute,

hochheilige

Paar.

sanctum

coniugum

par vigilans.

ein heiliges

Ehepaar

wachend.

Holder Knabe

im lockigen

Haar,

Mas in

cirrulis,

mitis infans,

Knabe in

Löckchen,

holdes Kind,

schlaf in

himmlischer

Ruh,

dormi

pace

delata,

schlaf im mit-

herabgebrach-

ten Frieden,

schlaf in

himmlischer

Ruh!

caelite

pace

tua!

deinem

himmlischen

Frieden!

2 .  S t r o p h e

Stille Nacht,

heilige

Nacht!

O silens nox,

providens

nox!

O schweigende

Nacht, vorsich-

tige Nacht!

Hirten erst

kund-

gemacht

Angeli

sancta

vox

Des Engels

heilige

Stimme

durch der

Engel

Halleluja.

fert

pastoribus

alleluia,

bringt

den Hirten

das Halleluja,

Tönt es laut

von fern

und nah:

mundum

personans

arte sua:

die Welt

durchtönend

mit ihrer Kunst:

Christ,

der Retter

ist da,

Christus

nunc adest,

unctus,

Christus

ist jetzt da,

der Gesalbte,

Christ,

der Retter

ist da!

corde

cuptia

salus.

das von Herzen

begehrte

Heil.

3 .  S t r o p h e

Stille Nacht,

heilige

Nacht!

O silens nox,

providens

nox!

O schweigende

Nacht, vorsich-

tige Nacht!

Gottes

Sohn, o

wie lacht

En Dei

Fili

vox!

Da! Gottes

Sohnes

Stimme!

Lieb' aus

deinem gött-

lichen Mund,

Quanta

caritas

ore ridet!

Welche

Liebe aus dem

Mund lacht!

da uns schlägt

die rettende

Stund',

Nam stat

hora quae

nos redimet.

Denn feststeht

die Stunde, die

uns erlösen wird.

Christ,

in deiner

Geburt,

Iesu,

lucide

sancta

Jesus,

lichtvoll

von der heiligen

Christ,

in deiner

Geburt!

virgine

natus

alma!

nährenden

Jungfrau

geboren!

Die Strophen-Ordnung entspricht dem im Deutschen und Englsichen üblichen Gebrauch. Dabei entspricht die zweite Strophe der sechsten im Original und die dritte der zweiten.

 

Wie erwähnt, ist in der lateinischen Fassung jedem Ton, also jeder musikalischen Note, genau eine lateinische Silbe zugeordnet. Der lateinische Text beginnt also nicht, dem deutschen "Sti-hil-le Nacht" entsprechend mit "O-ho silens", sondern mit "O si-lens nox"; vier Töne verschleißen vier Silben und nicht nur drei.

 

Zusammen mit der quantitierenden Metrik des Lateinischen, an die ich mich strikt halte, hat diese Silbe-Ton-Zuordnung zur Folge, dass der letzte Vers, der in der ersten Strophe des deutschen Textes zunächst "Schlaf in himmlischer Ru-huh!", in der Wiederholung aber "Schla-haf in himm-li-scher Ruh" heißt, in der lateinischen Fassung nicht wiederholt werden konnte. Stattdessen ist dieser Vers im Lateinischen etwas ausführlicher, da doppelt so viele Silben zur Vergüng stehen.

Metrik, Reim und Textnähe der lateinischen Fassung

Quantitierende Metrik

 

Der lateinische Text folgt zunächst der im klassischen Latein üblichen quantitierenden Metrik. Dabei richtet sich das Versmaß nach den musikalischen Längen: Jeder Note, die länger als einen Schlag ist, wird genau eine lange Silbe im lateinischen Text zugeordnet, und jeder Note, die kürzer als einen Schlag ist, wird genau eine kurze Silbe zugeordnet. Eine Note, die genau einen Schlag lang ist, wird durch eine beliebige Silbe vertextet. Ein Schlag entspricht dabei - der üblichen Notation folgend - einer Achtelnote, denn  das Lied ist gewöhnlich im 6/8-Takt notiert, wo sich jeder Takt wie zwei Gruppen mit jeweils drei Achteln, den drei Schlägen also, anfühlt. Diesen Regeln entsprechend ergibt sich folgendes Versmaß:

Vers Versmaß   Legende

1.

2.

3.

4.

5.

6.

 

 

 

 

×

×

×

×

×

×

 

 

 

 

×

×

×

×

 

 

 

×

×

×

×

 

 

 

 

 

 

 

× 

 

lange

Silbe

kurze

Silbe

beliebige

Silbe

Außerdem habe ich darauf Wert gelegt, dass die vorletzte Silbe des vorletzten Verses einen Langvokal enthält, denn diese drei Schläge lange Silbe kann nicht durch eine Zäsur in Form einer Atempause verkürzt werden. Und wenn die Musik eine extrem lange Silbe erfordert, sollte man dem auch textlich durch einen Langvokal nachkommen. Die allerletzte Silbe jeder Strophe hat, da sie sogar bis zu sechs Schlägen ausgehalten werden kann, natürlich auch einen Langvokal, was allerdings bei einem Ende mit einem Vokal (wie in Strophe 1 und 3) aufgrund standardmäßigen langen Gebrauchs der letzten Silbe automatisch der Fall gewesen wäre.

 

Zudem habe ich, wie in allen meinen lateinischen Gedichten, darauf geachtet, dass innerhalb eines Verses einer Silbe, die mit einem Vokal(+m), also mit -a, -e, -i, -o, -u, -am, -em, -im, -om, -um, endet, nie eine Silbe folgt, die mit einem (h+)Vokal, d.h. mit a-, e-, i-, o-, u-, ha-, he-, hi-, ho-, hu-, beginnt. Die klasssich lateinische Dichtung würde in solchen Fällen eine Elision, meist des vorausgehenden Vokals(+m), erfordern, welche aber wiederum dem Sänger schwer vermittelbar wäre.

Akzentuierende Metrik

 

Da die Melodie jeden Verses auf der letzten Silbe eine starke Betoung hat und im Lateinischen fast kein mehrsilbiges Wort auf der letzten Silbe betont wird, müsste jeder Vers mit einem einsilbigen Wort enden, um der in modernen Sprachen üblichen akzentuierenden Metrik gerecht zu werden. Deswegen ist ja mein Text in der quantitierenden Metrik geschrieben.

 

Dennoch habe ich die lateinische Fassung auch in eine metrisch akzentuierende Form bringen können, allerdings in zweierlei Hinsicht. Die Betonung einer Silbe liegt da, wo sie die Rhythmik der Musik erfordert, oder auch da, wo die Melodie den höchsten Ton hat. Im Gegensatz zum Deutschen, wo eine Silbe sowohl durch Anheben der Stimme als auch durch erhöhte Lautstärke betont wird, begnügt sich die lateinische Betonung ausschließlich mit dem Ansteigen der Tonhöhe. Insofern wäre diese Betonung eigentlich die richtige, wird aber in der Regel nicht beachtet, da Melodie-Kompositionen sich nicht an Silben-Betonungen orientieren.

 

Nur das "alleluja", vom hebräischen "Hallelu Jah" stammend scheint sich zunächst in keine dieser beiden Betonungsregeln einordnen zu lassen. Das "Hallelu" betont nämlich der Hebräer heutzutage auf der letzten Silbe, und dies entspricht der korrekten Betonung des lateinischen - vorausgesetzt, man schreibt es als ein einziges Wort - "alleluia" auf der vorletzten Silbe, da diese lang ist, was im Hebräischen durch den Langvokal Waw nach dem Lamed belegt ist. Dieser Silbe gibt aber die Musik dennoch einen ziemlich starken Ton, insbesondere aufgrund des starken Abfalls der Tonhöhe von "lu" zu "ia". Der ersten Silbe "Hal" gibt sie allerdings mehr Betonung als dieser dritten, während der zweiten Silbe die höchste Tonhöhe zugeordnet ist. Im historischen Hebräisch wurde wohl kaum ein Wort auf der letzten Silbe betont. Im heutigen Arabisch, der meist verbreiteten semitischen Sprache, ist das auch heute noch so. Man kann also mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass das hebräische "Hallelu" vor 3000 Jahren entweder auf der ersten oder auf der zweiten Silbe betont wurde, sodass es einer der beiden Betonungsmetriken (Lautstärke, Tonhöhe) entspricht.  Auf jeden Fall steht es melodisch und rhythmisch gesehen an derselben Stelle wie bei den stark akzentuierenden Sprachen Deutsch und Englisch. Wird es da nicht moniert, sollte man dies auch nicht im quantitativ orientierten Latein tun.

Darstellung der Realisierung der beiden Metriken im Lied

 

Lateinischer Text mit Betonung
Martin Bachmaier

Realisiertes

Versmaß

1 .  S t r o p h e

silens nox, providens nox!

Dormiens omnis vox,

sanctum coniugum par vigilans.

Mas in cirrulis, mitis infans,

dormi pace delata,

caelite pace tua!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 .  S t r o p h e

silens nox, providens nox!

Angeli sancta vox

fert pastoribus alleluia,

mundum personans arte sua:

Christus nunc adest, unctus,

corde cupita salus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 .  S t r o p h e

silens nox, providens nox!

En Dei Fili vox!

Quanta caritas ore ridet!

Nam stat hora quae nos redimet.

Iesu, lucide sancta

virgine natus alma.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

L e g e n d e

█ 

 

 

Rhythmikbasierte Betonung

Tonhöhenbasierte Betonung

Betonung sowohl rhythmus-

als auch tonhöhenbasiert

Hebräisches Hallelu Jah exakt

da, wo es im Deutschen steht

 

 

Metrik

fix

variabel

Silbe

lang

kurz

Reime

 

Das Lied beginnt, dem Deutschen entsprechend und dieses noch übertreffend, mit einem "Silbenschlagreim". Die Silbenfolge "O si-lens nox, pro-vi-dens nox" entspricht dem Reimschema "a b c d a b c d" und übertrifft dabei das deutsche "Sti-hil-le Nacht, hei-li-ge Nacht", das immerhin dem Silbenschlagreim-Schema "x b c d y b c d" entspricht. In der ersten Strophe wird das Vokalspiel " o i e o - o i e o" sogar noch  mit "o i e - o i o" im zweiten Vers passend fortgeführt.

 

Ansonsten reimt sich das erste Verspaar nur in der betonten Endsilbe, und zwar folgt in jeder Strophe der "nox" ("Nacht") die "vox" ("Stimme"). Die Herkunft der "vox" charakterisiert sozusagen die jeweilige Strophe. In der ersten ist Ruhe, jede Stimme schläft hier; in der zweiten verkündet des Engels Stimme; und in der dritten hört man die Stimme des Gottessohnes.

 

Besonders gut gereimt ist das zweite Verspaar. Hier reimen sich in der ersten Strophe die letzten drei Silben und in den anderen beiden Strophen sogar die letzten vier.

 

Probleme gab es im letzten Vers, der ja aufgrund der quantitierenden Metrik im Lateinsichen nicht einfach wiederholt werden konnte.  Wenn etwa die erste Stophe im Deutschen mit dem Silbenschlagreim "Ru-huh" endet, worauf dann "Ruh" gereimt wird, konnte dies im Lateinsichen nur dadurch wiedergegeben werden, dass die letzten beiden Silben des im Deutschen letzten, im Lateinischen aber vorletzten Verses den selben Vokal haben. Der letzte Vers hat dann nur noch eine Silbe mit wiederum demselben Vokal; das genaue Ende muss der letzten Silbe des vorletzen Verses gleichen. Hätte aber die vorletzte Silbe des vorletzen Verses anderen Vokal, wäre man bei der Schluss-Silbe des letzten Verses überrascht, weil er vom Takt her eben zur vorletzten Silbe des vorletzten Verses passt.

Die Textnähe der Übertragung

 

Dass der Inhalt im Wesentlischen sinngemäß wiedergegeben wird, ist offensichtlich.

 

Wen es etwa stört, dass durch das "providens" ("klassisch nur in der Bedeutung "vorsichtig", später auch "vorausschauend") im in jeder Strophe wiederkehrenden ersten Vers das charakteristische deutsche Wort "heilige" verloren gegangen ist, der möge bedenken, dass ich das mit Absicht dadurch ausgeglichen habe, dass es in jeder Strophe einmal auftaucht. In der ersten steht es ja beim hochheiligen Paar ein zweites Mal, wo es dann auch mit "sanctum" in Lateinische einging, in der zweiten wird des Engels Stimme heilig genannt und in der dritten die Jungfrau, aus der Jesus geboren wird. So bleibt also der "Heilig"-Charakter des Weihnachtsliedes, und "Weihnachten" heißt ja "heilige Nacht", erhalten.

 

Was den letzten deutschen Vers betrifft, für den im Lateinsichen doppelt so viele Silben zur Verfügung stehen, so bleibt festzuhalten, dass da die lateinsiche Fassung in den ersten beiden Strophen nur etwas ausführlicher geworden ist, die letzte Strophe aber zwei neue Aspekte bringt, und zwar Jesu lichtvolle Geburt sowie Mariens Jungfräulichkeit.

 

Letztere sollte allein schon zur Stärkung der katholischen Lehre erwähnt werden, denn da heißt es, dass Maria Jungfrau vor, während und nach der Geburt ist. Im Lied wird die Jungfräulichkeit während der Geburt betont. Zudem ist die Jungfräulichkeit eine Reverenz an die englsiche Version, wo anstatt vom hochheiligen Paar von der "virgin mother", der jungfräulichen Mutter, die Rede ist.

 

Dass Jesus "lucide" ("lichtvoll") geboren wird, entspricht der Auffassung, dass er nicht wie die übrigen Menschen den Mutterleib verlassen hat, denn dies wäre ohne eine Verletzung des Hymens, was wiederum dem Dogma der Jungfräulichkeit während der Geburt widerspräche, kaum erklärbar, sondern so geboren wurde, wie ein Licht das Glas durchdringt, lichtvoll eben, verklärt wie auf dem Berg Tabor, so, wie er als Auferstandener duch die Wände ging. Das Licht schlägt somit auch eine Brücke zu Ostern, wo die Liturgie mit "lumen Christi" ("das Licht Christi") eröffnet wird. Und auf Ostern deutet ja der Vers davor, der von der Stunde spricht, die uns erlösen wird.

 

Außerdem ist das in "lucide" enthaltene Licht wiederum eine Reverenz an englische Versionen, wo "light" ("Licht") bereitzs zum Reimen auf "night" ("Nacht") benötigt wird, und zudem wird damit dem Evangelisten Johannes Rechnung getragen, der sein Evangelium nicht mit Jesu Geburt in Bethlehem beginnt,  sondern von Jeses u.a. als dem Licht, das in die Welt gekommen ist, spricht.

Die bereits vorhandenen vier lateinischen Versionen

Es gibt noch folgende vier lateinische Versionen:

 

•  Alma nox, tacita nox!

•  Tranquilla nox! Sancta nox!

•  Silens nox, sacra nox!

•  Sancta nox, placida nox!

 

All diese vier Versionen sind Reim-Gedichte. Einer Metrik gehorcht keine davon, weder einer quantitierenden noch einer akzentuierenden.

 

Das Hauptproblem all dieser Versionen besteht aber darin, dass die Silbenzahl der einzelnen Verse recht unterschiedlich ist, meist sind es weniger als die Zahl der Noten, und diese sind in der Original-Komposition der Melodie Grubers noch etwas zahlreicher als in der etwas vereinfachten, beruhigten, die heute in Gebrauch ist. Dennoch reicht auch diese erhöhte Anzahl an Noten nicht immer aus, die wenigen Silben zu vertonen. Es werden teilweise noch zusätzlich Noten dazu erfunden, indem eine volle drei Schläge (3 Achtel) dauernde Note aufgesplittet wird. Man muss sich auf jeden Fall zuerst mal hinsetzen und sich überlegen, wie man die einzelnen Silben auf die Noten verteilt. Und dies scheint einem dann doch etwas aufwendig, zumal es sich ja um eine Melodie handelt, die jeder von Kindesbeinen an kennt. Da sollte doch der Text ausreichen, meint man.

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