Die Problematik der tonlosen Papst-Interviews

Das Problem des beleglosen Briefverkehrs

Es gibt immer wieder Aussagen seitens Benedikts, die uns überraschen.
Etwa, dass er geschrieben habe: „Mein Rücktritt ist gültig. Spekulationen sind absurd“, wie mehrere Zeitungen berichteten, etwa hier. Es ging um die Spekulationen, ob denn Benedikt durch Komplotte zum Rücktritt gedrängt worden sei.
Ich zitiere nun aus dem etwas kritischeren katholisches.info: Laut Tornielli habe Papst Benedikt persönlich zur Feder gegriffen, um ihm zu antworten. Allerdings veröffentlichte er noch kein Faksimile des Briefes, wie es etwa der Atheist Odifreddi umgehend tat, als er vom Emeritus Post erhielt. Es darf zumindest bezweifelt werden, daß der Heilige Stuhl zu einer so delikaten Frage ein Interview zuläßt, das gewissermaßen irgendein Journalist mit direktem Schriftverkehr mit dem zurückgetretenen Papst führt, ohne daß es vom Staatssekretariat, wenn nicht von Papst Franziskus persönlich abgesegnet wurde. Es hieße auch die Gepflogenheiten des Vatikans nicht zu kennen. Benedikt XVI. ist direkt für niemanden erreichbar. Wer zu ihm will, muß hinein und hinaus einige Ringe passieren, von denen Kurienerzbischof Gänswein nur den innersten bildet.
Fazit: Wahr wohl nix mit dem "Mein Rücktritt ist gültig."

Peter Seewald und der Kondom-Schock

Wer erinnert sich nicht an den Kondom-Schock, den uns Benedikt XVI. bereitet hat! Er lasse in Ausnahmefällen Kondome zu, wie es hier auf diesem YouTube-Video heißt. Doch der Vatikan habe diese Aussage postwendend dementiert und zur Privatmeinung des Papstes erklärt. Na sowas, Benedikt liberaler als der Vatikan? Im Interview kritisiert hier David Berger, dass diese angebliche Aussage des Papstes pünklich zum Erscheinen des Interview-Buches Licht der Welt von Peter Seewald in die Öffentlichkeit gestreut wurde, wohl, um des besseren Verkaufes willen.

Wikipedia äußert sich hierzu im Peter-Seewald-Artikel bemerkenswert korrekt:
Das Interview Seewalds mit Papst Benedikt XVI. erschien Ende November 2010 unter dem Titel Licht der Welt. Darin enthaltene Äußerungen des Papstes wurden in der Berichterstattung als Relativierung einer Ablehnung des Gebrauchs von Kondomen aufgefasst.
Also: "darin enthaltene" (auch getätigte?) Äußerungen, "aufgefasst".
Ich bin natürlich so frech und würde gern den Original-Ton hören. Der wird sich aber kaum finden lassen. Schade, mit der deutschen Sprache hier hätte ich sicher keine Probleme.

Interviews als italienische Erfindungen?

Ich möchte hier einfach mal einen Kommentar des Gloria.tv-Users "polos", der vorwiegend auf dem italienischen Gloria.tv postet, zitieren:

Ein ausführliches "Interview" ausgerechnet mit "la Repubblica"?! Und als letzter Satz steht da:
"Das Interview – wie Autor Elio Guerrireo betont – ist vom emeritierten Papst gegengelesen und gut geheißen."
Dieser letzte Satz verrät alles: Das ganze Interview ist pure Erfindung, ich glaube keine einzige Silbe. Jeder, der die italienischen Medien kennt und nicht vollkommen naiv ist, wird diesen Artikel anzweifeln.
Kein einziges seriöses Blatt hat es nötig zu beteuern, dass der Artikel "gegengelesen" wurde: Das ist eine Finte, um naive Leser zu versichern. Bitte glaubt kein Wort, ich kenne die Medienlandschaft in Italien sehr gut.
Wenn ihr einen Autor sucht, der 100% zuverlässig ist, bleiben nur wenige. Antonio Socci ist einer von ihnen.

Soweit das Zitat; es stammt aus einer Seite des "Erntehelfer"s. Welches Interview gemeint ist, kann man wohl auf der Erntehelfer-Seite herauskriegen. Mir ist das jetzt nicht so wichtig. Wichtig ist: Da behauptet doch ein anonymer Kenner der italienischen Presse, man solle dieser kein Wort glauben, natürlich mit Ausnahmen. Da kommt einem ja gleich wieder das Unwort "Lügenpresse" in den Kopf.

Benedikts letzte Gespräche mit Peter Seewald

Die Autorentäuschung:
Und nun kommt ein Buch von Benedikt XVI. (?) über seine letzten Gespräche mit Peter Seewald. Benedikt XVI. habe wieder ein Buch geschrieben, so dachte ich gemäß einer Radiomeldung, und so dachten alle meine Gesprächspartner. Doch es war ein Interview-Buch, dessen Autor auf dem Cover nicht klar erkennbar ist, dessen Herausgeber aber - Peter Seewald ist. Letztlich bestimmt er, was drin steht. Und er dürfte es auch geschrieben haben. Wieso aber diese Vortäuschung, Benedikt sei der Autor? Um der Sache mehr Autorität zu verleihen. Sicher.

Die Notwendigkeit eines Ghostwriters: Benedikt hätte doch sicherlich seine Memoiren und Stelungnahmen zu "Rücktritt" und zur kirchlichen Situation vorwiegend in Deutschland auch ohne fremde Hilfe, ohne einen Ghostwriter geschafft, denke ich. Leute, die sich für berühmt halten, schreiben ja gerne Memoiren, und weil sie nicht unbedingt die besten Stilisten sind, bedienen sie sich dabei eines Ghostwriters. Bei Benedikt dagegen, der die Fähigkeit hat, druckreif zu sprechen, und als Theologie-Professor viel doziert und auch viele wissenschaftliche Bücher verfasst hat, hätte man eigentlich gedacht, er hätte eines solchen Ghostwriters nicht bedurft.

Die Täuschung mit dem Autoren-Exemplar: Der folgende Link
de.radiovaticana.va/…/1241109
verweist auf eine Nachricht vom 30.06.2016. Die Schlagzeile lautet: "Neues Buch versammelt „letzte Gespräche“ mit Benedikt XVI.". Sie verweist klar auf das aktuelle Interview-Buch. Doch dieses wird hier mit einem anderen Buch, vermutlich einem älteren Seewald-Buch, vorgestellt. Das Bild zu diesem Zeitungsartikel zeigt nämlich, wie der Papst ein Buch mit weißem Cover in die Hand bekommt. Das aktuelle Seewald-Buch "Letzte Gespräche hat dagegen einen grauen Buchdeckel:
www.amazon.de/…/ref=sr_1_1
Wenn es schon keine Tonband-Aufnahmen zum jetzigen Interview-Buch von Peter Seewald gibt, so sollte man doch wenigstens ein Bild, wo Benedikt mit dem jetzigen Interview-Buch zu sehen ist, erwarten können.Vergönnt man ihm schon kein Autoren-Exemplar mehr, wenn man ihn schon als "Autor" nennt? Das Buch, das er im erstverlinkten Bild de.radiovaticana.va/…/1241109 in die Hand bekommt, scheint aus einer Zeit zu stammen, wo die ganze Welt wusste, dass er amtierender Papst ist.

Der Inhalt des Interview-Buches: Bereits am Donnerstag, einen Tag vor Erscheinen, verriet uns dazu der Tagesspiegel Folgendes:
Ausführlich äußerte sich Benedikt zu Fragen nach seinem überraschenden Rücktritt als Papst im Jahr 2013. Der Amtsverzicht sei keine Folge von Intrigen und Skandalen oder der Vatileaks-Affäre gewesen. „Zurücktreten darf man nicht, wenn die Dinge schiefliegen, sondern wenn sie in Frieden sind. Ich konnte zurücktreten, weil in dieser Situation wieder Ruhe eingekehrt war.“ Er ergänzte: „Man darf nie weggehen, wenn es ein Davonlaufen ist. (...) Man darf nur weggehen, wenn niemand es verlangt.“ Er habe seine freie Entscheidung noch nicht eine Minute bereut: „Ich sehe jeden Tag, dass es richtig war.“
Mit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst Franziskus habe er nicht gerechnet, räumte Benedikt ein. Zwischen ihnen gebe es keinerlei Bruch: „Es gibt vielleicht neue Akzente, natürlich, aber keine Gegensätze.“ Eine große Stärke von Franziskus sei die persönliche Zuwendung zu den Menschen: „Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes.“ (epd, dpa)

Das also soll gehört werden. Keine Komplotte! Auch nicht weggelaufen sei Benedikt, das dürfe man nicht. Weil aber in der Vatileaks-Affäre wieder Ruhe eingekehrt ist, konnte er zurücktreten. Das also sind die Probleme der Kirche: die Vatileaks-Affäre. Und mit der Wahl von Begoglio habe er auch nicht gerechnet? Obwohl er sein Gegner im Konklave 2005 war! Und zwischen ihm und Bergoglio gebe es keinen Bruch, eine neue Frische bringe er.
Natürlich bin ich auch hier so frech, um auf YouTube nach gewissen Tonaufnahmen zu suchen. Ich meine, so ein paar Auszüge über das Wesentliche als Beleg wäre ja nicht verkehrt und dürfte den Erlös beim Verkauf des Buches nicht allzusehr schmälern. Zumindest wäre es seriöser!

Der Zweck des Interview-Buches: Das Buch hat m.E. natürlich nicht den Zweck, die als modernistisch verschriene katholische Kirche in Deutschland zu kritisieren, wie sich das aus dem Deutschlandfunk herauslesen lässt. Sollten durch diese vermeintliche Kritik nicht eher die Konservativen zum Festhalten an "Papst" Franziskus gebracht werden? Mögen sie sich gestärkt fühlen durch eine Kritik am Modernismus, aber sich dadurch einlullen lassen, Franziskus als den von Benedikt anerkannten und gelobten Papst zu betrachten. Die Anerkennung des Franziskus durch Benedikt ist doch das Entscheidende. Eine Anerkennung, die ihre Unterstützer zusehends verliert. Da musste mal was dagegen getan werden. Und, wie letzte Meldungen zeigen, will Franziskus seine Anerkenntnis als Oberhaupt der Weltkirche nun sogar noch durch die antimodernistische Pius-Bruderschaft bestätigen lassen, durch die sog. "Einigung".

Erste Falschaussage im neuen Seewald-Buch entdeckt:

Lesen wir hier, was der Italienisch verstehende Gloria.tv-User "alfons maria stickler " herausgebracht und hier gepostet hat:
Seltsam, seltsam, Benedikt XVI. behauptet in "Letzte Gespräche", dass es seine Entscheidung war, den Bankier Gotti Tedeschi zu entlassen:
www.lastampa.it/…/pagina.html
Im Oktober 2013 klang das aber ganz anders: Benedikt XVI. war überrascht über die Entlassung von Gotti Tedeschi:
www.lastampa.it/…/pagina.html
Was stimmt den nun? Was wird mit diesem Buch gespielt?


Das Kirchenflügel-Kampfwort "liturgisch progressiv"

Im neuen Seewald-Buch "Letzte Gespräche" steht gemäß dem hier verlinkten Gloria.tv-Artikel im Zusammenhang mit dem Wechsel des Zeremonienmeisters von Piero Marini zu Guido Marini über den alten Zeremonienmeister Pietro Marini Folgendes:
"In dieser Hinsicht gibt Papst Benedikt über Piero Marini lediglich recht lapidar zu Protokoll: „Nein, er war und ist ein sehr guter Mann. Gut, er ist liturgisch progressiver als ich, das macht aber gar nichts."
Dass solche Kampf-Worte wie "liturgisch progressiv", die auf den Flügelkampf zwischen Konservativen und Modernisten innerhalb der Kirche verweisen, vom Papst der Weltkirche, Benedikt XVI. stammen, ist kaum glaubwürdig. In seinem Interview mit deutschen Reportern in Castel Gandolfo spricht er eine viel diplomatischere Sprache, eine Sprache, die eines Papstes würdig ist.

Warum ein Interview-Buch ohne Authentizitäts-Nachweis?

Es gibt im Wesentlichen etwa fünf Möglichkeiten:

1. Es gibt keine Tonbandaufnahmen.
2. Es gibt Tonbandaufnahmen, aber deren Veröffentlichung wird nicht genehmigt.
3. Es ging was schief bei den Aufnahmen.
4. Der Papst gab keinen Ton von sich.
5. Das Interview gab's gar nicht.

Zu 1: Wäre es nicht verantwortungslos, die Interviews nicht aufzuzeichnen, um bei der Niederschrift nichts falsch zu machen?
Eine Mitschrift raubt Zeit und wäre nie so vollkommen oder vollständig. Der Tonfall sagt nämlich auch manchmal was aus.

Zu 2: Warum soll der Papst das aufgenommene, unverfälschbare Original-Interview nicht genehmigen, ein verfälschbares Interview-Buch aber schon?

Zu 3: Man wird ja wohl zur Sicherheit mehrere Tonbandgeräte mitlaufen lassen. Auf jedem Smartphone ist so eins drauf.

Zu 4: Sollte dies geschehen sein, bitte ich zu bedenken, dass etwa per Telepathie (Gedankenübertragung) geführte Interviews oft stark an Übertragungsfehlern leiden.

Zu 5: Das wäre eine Unterstellung!

Und doch gibt es Tonbandaufnahmen!

Über viel Wichtigeres sogar. Über Benedikts angebliche Rücktrittsankündigung vom Rosenmontag 2013. Da ist das Beweis-Video.
Und da ist es übersetzt und analysiert.

Und da entsteht meine Analyse, die Punkten zur Rechtsungültigkeit beinhaltet. Detailliert ausgeführt wird dies alles später.

Warum aber soll man einen mittels Tonbandaufnahme belegten Text ansehen, wenn es doch auch vorgefertigte Journalisten-Texte gibt, die die Fragen viel genauer und besser auf die Interessen der Rezipienten bezogen beantworten?

Und sogar Tonbandaufnahmen zu Interviews:

Selbstverständlich gibt es von Benedikt XVI. nicht nur tonlose Interviews, sondern auch solche, wo er was sagt. Bitteschön:
www.youtube.com/watch
Das ist hier Teil 2; dieser zeigt nämlich so schön die deutschen Journalisten gleich am Anfang.
Ich glaube, es war das Interview, das deutsche Journalisten bald nach Beginn des Pontifikats Benedikts XVI. geführt haben.
Ich erinnere mich heute noch gerne daran, wie er da brilliert hat.
Warum lässt man ihn heute nicht mehr brillieren?
Warum zeigt man uns heute keine Tonaufnahmen mehr von ihm?

Wie sagte doch der Gloria-tv-User Carlus? Seit Abtritt Benedikts lege man diesem alle möglichen Worte in den Mund. Was natürlich sehr leicht ist, wenn man den Interviews ohne tonbandbasierten Beweis einfach glaubt. Besser wäre natürlich noch der Videobeweis. Da braucht der Schiedsrichter kein Fußballspiel zu unterbrechen.

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