Der folgende Artikel darf als Scherzartikel aufgefasst werden.

Aber überlegen Sie dennoch: Welcher Scherz ist größer: der in diesem Artikel oder die Behauptung Benedikt XVI. sei von seinem Amt als Papst zurückgetreten?

Roms Bürgermeister in der Rosenmontagsrede Benedikts XVI.

Wenn Papst Benedikt XVI. wertend in die Liste der römischen Bürgermeister eingreift, dann interessiert das offenbar niemanden. Außer mich. Dabei schien dieser Eingriff zunächst gar nicht an die Bürgermeister Roms gerichtet gewesen zu sein. Nachweislich angesprochen wurden nämlich nur Priester, die es mit Heiligsprechungen zu tun hatten.

Zwei Auszüge aus der sog. Rücktrittsrede

Seine Rede eröffnete nämlich Papst Benedikt wie folgt (ich übersetze ins Deutsche):

"Hochgeschätzte Brüder,
nicht nur wegen drei Heiligsprechungen habe ich euch zu diesem Konsistorium zusammengerufen, ...
".

Dass es kurz darauf zu einer Art Heiligsprechung kommen würde, konnte man so noch nicht erahnen.

Was also ist geschehen? Es war der 13. Februar 2013, da wendete sich Benedikt XVI. an die erwähnten Priester in einer Ansprache, die mit der erwähnten Adressierung begann, dann in ein leichtes Gejammere abflachte, daraufhin aber in folgendem Satz aufhorchen ließ:

"Gut in Kenntnis gesetzt von der Bedeutung der folgenden Handlung erkläre ich daher in voller Freiheit, dass ich der Dienerschaft eines Bischofs von Rom, eines Nachfolgers des/eines heiligen Petrus, mir durch die Hände der Kardinäle am 19. April 2005 Anvertrautes berichte, derart, dass ab dem 28. Februar 2013, um 20 Uhr der/ein Stuhl Roms, der/ein Stuhl des/eines heiligen Petrus, leer steht, ..."

Das soll nun vorerst genügen. Auf andere Übersetzungsvarianten möchte ich jetzt nicht eingehen. Man kann sie auf dieser Seite hier nachlesen. Die hier gewählte Übersetzung entspricht der dortigen Version A, da sie noch am ehesten einen Sinn ergibt.

Das Leerstehen des "Stuhls Roms"

Obiger Auszug gipfelt im Leerstehen des Stuhls Roms de facto ab März, da in den vier Stunden zuvor Feierabend ist. Wer aber jetzt denkt, mit dem Stuhl Roms sei sein eigener, der Papstthron, gemeint, der irrt gewaltig, denn erstens gibt es zwei offizielle Ausdrücke dafür im Kirchenrecht, und keiner davon heißt "Stuhl Roms" oder "Stuhl Petri"; stattdessen heißen sie "Heilige Stuhl" und "Apostolischer Stuhl", und diese beiden Termini wurden offenbar gemieden. Zweitens ist Rom zunächst weder das Heilige Römische Reich noch die Heilige Römische Kirche, sondern nichts weiter als die Stadt Rom. Und der Stuhl Roms dürfte somit weder der des Kaisers der Römer, Karl IX., noch der des Papstes - dieser leitet die heilige römische Kirche - noch der des Regierungschefs von Italien, sondern einfach der des Bürgermeisters der Stadt Rom sein.

Ausbleibender Rücktritt und Abwahl des damaligen römischen Bürgermeisters Gianni Alemanno

Der Bürgermeister der Hauptstadt Italiens, Rom, war seit 28. April 2008 Gianni Alemanno (Bild rechts). Da also behauptet Benedikt, dass dessen Stuhl ab März werde leer stehen. Oder war es nur ein Wunsch? Das "vacet" ("stehe leer") steht ja infolge des "ut" ("dass") im Konjunktiv. Gianni Alemannos Amtszeit aber lief noch bis zum 11. Juni 2013, also 103 Tage länger, und wir wissen, dass er nicht zurückgetreten ist, stattdessen aber bei der darauffolgenden Wahl sang- und klanglos gegen seinen Nachfolger Ignazio Marino mit nur 36% der Stimmen untergegangen ist.

 

Wir wissen auch, dass Papst Benedikt Ende Februar in ein Kloster befördert wurde. Wäre es in Anbetracht eines solchen Ereignisses nicht angebracht gewesen, als Bürgermeister von Rom die Regierungsgeschäfte die restlichen 103 Tage ruhen zu lassen, um dem Wunsch des Papstes nachzukommen und dessen zu gedenken? Warum nur war Gianni Alemanno dem Papst ungehorsam? Sicher, er kann sagen, der Papst hätte den Rücktrittswunsch vor ihm persönlich äußern sollen und nicht vor Heiligsprechungspriestern. Wo er Recht hat, hat er Recht. Andererseits: Was haben die Kardinäle Papst Benedikt am 19. April 2005 anvertraut, dass es das Leerstehen des römischen Bürgermeisterstuhls zur Folge haben sollte. Benedikt berichtet das ja seiner Dienerschaft, und diese sollte das dann auch an Gianni Alemanno weitergegeben haben. In diesem Fall hätte Gianni Alemanno keine Ausrede mehr, und er muss sich wohl mit der Abstempelung als ungehorsamer Sohn der heiligen Kirche abfinden.

Der heilige Pietro Giubilo, letzter christdemokratischer Bürgermeister Roms

Der im Text erwähnte Stuhl Roms ist mit einer Apposition versehen: der Stuhl des heiligen Petrus. Gibt es denn in der Liste der römischen Bürgermeister einen heiligen Petrus? Ich besitze ein Buch über alle Seligen und Heiligen (bis ertwa 1950), doch fand ich da keinen. Ein noch lebender Mensch ist aber heilig, sobald er im Stande der Gnade ist. Und das könnte der letzte christdemokratische Bürgermeister Roms durchaus gewesen sein. Dieser hieß tatsächlich mit Vornamen Petrus, auf Italienisch Pietro. Pietro Giubilo (Bild links) war nur wenig länger als ein Jahr Bürgermeister (von Mai 1988 bis Juli 1989), und es mag Gottes Fügung gewesen sein, dass man nun seinetwegen den römischen Bürgermeistersessel volkstümlich gesprochen auch Stuhl des heiligen Petrus nennen kann.

Zusammenfassung des bisher Gesagten

Fassen wir zusammen, was an besagtem 13. Februar 2013 geschehen ist. Zum einen wird ein Bürgermeister Roms, der den Vornamen des Lieblings-Apostels Johannes trägt (Gianni ist eine Kurzform von Giovanni, deutsch: Johannes) zumindest des Verdachts des Ungehorsams gegenüber dem Heiligen Vater ausgesetzt, zum anderen wird ein früherer Bürgermeister, der den Vornamen des Apostel-Fürsten Petrus trägt, "heilig" genannt, sozusagen einer Art Lebend-Heiligsprechung unterzogen.

Bei solcherlei Akten sollte auch ein Papst vorsichtig sein und sie nicht vollziehen, ohne sich von Priestern, die sich in Sachen Heiligsprechung auskennen und damit zu tun haben, zu beraten. Naja, zugegen waren sie an diesem Tag.

Der Heilige Stuhl in Summorum Pontificum

Mag es nun der eine oder andere als Bleggerei empfinden, dass im "Stuhl von Rom"  und im "Stuhl Petri" als Apposition dazu den Bürgermeistersessel von Rom erblicke. Man wisse doch, dass mit dem Stuhl Roms oder mit dem Stuhl Petri der Chefsessel der Heiligen Römisch-Katholischen Kirche gemeint sei. Doch möge man bedenken, dass es sich hier um ein offizielles, kirchenrechtlich relevantes Dokument handelt, das keine uneindeutigen Ausdrücke und schon gleich gar keine Gefühlsduseleien wie einen "Stuhl Petri" verträgt. 

Sehen wir uns zum Vergleich dazu Benediksts Motu proprio "Summorum Pontificum" an, das doch der Tradition wieder ihre Würde zurückgab! Es gibt im Kirchenrecht zwei Begriffe für den Heiligen Stuhl, die Sancta Sedes (Heilger Stuhl) und die Apostolica Sedes (Apostolischer Stuhl), wobei die Wortstellung egal ist. Während sicherlich in vollem Bewusstsein der Existenz genau zweier offizieller Begriffe Benedikt in seiner Rosenmontagsrede ebenfalls genau zwei verwendet und diese sogar hinterenander, jedoch beide Male - gewiss mit voller Absicht - einen falschen (Sedes Romae, Sedes Sancti Petri), kommt in Summorum Pontificum der Heilige Stuhl genau dreimal vor, und jedes Mal besticht ein kirchen- und völkerrechtlich völlig korrekter Ausdruck.

Überlegen wir uns das aber genauer! Welche Ausdrücke wird Benedikt gewählt haben? Haben Sie schon einmal von Petrus Sanctus gehört? Nein, weil es einfach nicht üblich ist, ein Sanctus oder Sancta nachzustellen. Also bleiben die drei Begriffe: Sedes Apostolica, Apostolica Sedes und Sancta Sedes, und genau diese hat er verwendet. Dem akribisch korrekten Theologen Josef Ratzinger reichte es offenbar nicht, korrekt zu sein; er wollte sogar die Gesamtheit des Korrekten in sein ihm am Herzen liegendes Dokument einbauen.

Auch kommt in Summorum Pontificum kein uneindeutiger Ausdruck für Papst vor, wie es etwa episcopus Romae (Bischof von Rom; Rom hat sieben Bistümer; - ja, wenn's dann wenigstens episcopus Romanus hieße, einfach dem lateinischen Sprachgebrauch nach ein Adjektiv statt des Genitivus subiectivus) oder successor Petri (Nachfolger Petri; Nachfolge in der Weihelinie?). Papst heißt im Kirchenrecht Summus Pontifiex, und dieser Begriff wird durchgehend verwendet, nur das Summus wird, wenn es vom Zusammenhang her klar ist, weggelassen. Der ebenfalls eindeutige, aber nicht kirchenrechtsspezifische Ausdruck Papa geht nur dem seligen Johannes XXIII. voraus, dessen Name allein schon eindeutig ist, wo aber ein Summus zusammen mit dem Beatus stilistisch unschön gewesen wäre. So ist bei Benedikt XVI. alles ein Kunstwerk, doch die Welt merkt es nicht!

Ja, sogar in Diözesan-Bistümern versteht man den Gebrauch der offiziellen Ausdrücke: "Kardinal Friedrich Wetter, nach dem Willen des Apostolischen Stuhles Erzbischof von München und Freising, erteilt nun den Segen mit vollkommenen Ablass." Eine Ankündigung des Segens dieser Art habe ich oft gehört.

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