Bild links: Titelbild des schönsten YouTube-Videos Ave Maris Stella von Lyrical-Verse Ascent (siehe weiter unten)

Bild rechts: Photographie eines Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert: "Maria Stern des Meeres" (Public Domain)

Ave maris stella, der Vesper-Hymnus an Marienfesten

Gesänge bei durchlaufendem Text mit Noten

Der lateinische Text mit deutscher Übersetzung und deutscher Reimübertragung

  Lateinischer Text Deutsche Übersetzung Reimübertragung

1.

Ave, maris stella,
Dei mater alma
atque semper virgo,
felix caeli porta.

Sei gegrüßt, des Meeres Stern,
Gottes Mutter, erhabene,
und noch dazu stets Jungfrau,
beglückende Himmelspforte!

Ave, Stern der Meere,
Gottesmutter hehre,
allzeit Jungfrau, süße
Tür zum Paradiese!

2.

Sumens illud „Ave“
Gabrielis ore,
funda nos in pace,
mutans Evae nomen.

Annehmend jenes „Ave“
aus Gabriels Mund,
verankere uns im Frieden,
ändernd Evas Namen!

Aus des Engels Munde
ward die frohe Kunde;
uns den Frieden spende,
Evas Namen wende.

3.

Solve vincla reis,
profer lumen caecis,
mala nostra pelle,
bona cuncta posce.

Löse die Fesseln den Schuldigen,
trag Licht den Blinden voran,
unser Böses vertreibe,
all das Gute fordere (für uns)!

Lös das Band der Sünden,
bringe Licht den Blinden,
unsern Übeln wehre,
jeglich Gut beschere!

4.

Monstra te esse matrem,
sumat per te preces
qui pro nobis natus
tulit esse tuus.

Zeige, dass du bist eine Mutter;
annehme durch dich die Gebete
der, für uns geboren,

es auf sich nahm, zu sein dein.

Dich als Mutter zeige;
und erhörend neige
dir sich, der auf Erden
kam, Dein Sohn zu werden.

5.

Virgo singularis,
inter omnes mitis,
nos culpis solutos
mites fac et castos.

Jungfrau einzigartige,
unter allen die Sanftmütige,
uns, von Sündenschulden gelöst,
sanftmütig mache und keusch.

Jungfrau, allzeit reine,
sanft und mild wie keine,
schuldlos lass auf Erden
sanft und keusch uns werden.

6.

Vitam praesta puram,
iter para tutum,
ut videntes Jesum
semper collaetemur.

Gewähre ein reines Leben,
bereite einen sicheren Weg,
damit wir, sehend Jesus,
immer zusammen uns freuen.

Woll' ein reines Leben,
sichern Pfad uns geben,
dass in Himmelshöhen
froh wir Jesus sehen.

7.

Sit laus Deo Patri,
summo Christo decus,
Spiritui Sancto
honor, tribus unus.

Es sei Lob Gott dem Vater,
dem Höchsten, Christus, Zierde,
dem Heiligen Geist
Ehre, den Dreien eine.

Lob sei Gott dem Vater,
Preis dem höchsten Sohne
und dem Heil‘gen Geiste,
jedem gleiche Ehre.

  Amen. Amen. Amen.

Gemäß Guido Maria Dreves & Clemens Blume ("Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung, eine Blütenlese aus den Analecta Hymnica mit literarhistorischen Erläuterungen", Leipzig, O. R. Reisland, 1909, Teil II, S. 238), der die Originaltexte, so sie denn ermittelbar sind, editiert,  heißt es in Strophe 4, Vers 2 wohl um eines Reimes mit "matrem" willen: "sumat per te precem". Das Gebet ("prex") wird hier also im Singular verwendet; klassisch steht immer der Plural: "preces".

Die Noten (Notation der ersten Strophe als Paradigma)

Bemerkungen zum Versmaß

Das Gedicht besteht aus sieben Vierzeilern, wobei jede der vier Zeilen sechs Silben in drei akzentuierend trochäischen Versfüßen hat. Völlig unverständlich ist, wieso in Strophe 5, Vers 3, diese trochäische Metrik verletzt wird, denn "culpis" betont man auf der ersten Silbe. Mit einer simplen Umstellung, "culpis nos solutos", wäre der akzentuierenden Metrik bereits Genüge geleistet. Womöglich war die Urfassung auch so. Dass "spiritui" nach lateinischer Betonungs-Normierung den Ton auf der zweiten Silbe ("spi-rí-tu-i") hat, findet dagegen in der gesprochenen Praxis keine Beachtung. Spräche man, wie in klassischer Aussprache-Praxis sicherlich oft der Fall gewesen, das Schluss-"tui" einsilbig, dann würde bereits der Akzent auf die erste Silbe rutschen.

Ein besonders feierlicher Gesang mit zum Text passenden Bildern

Eine quantitierend-metrische Version des Ave maris stella in elegischen Distichen (Verspaare aus Hexameter und Pentameter)

Das Ave maris stella ist in einer akzentuierenden trochäischen Metrik geschrieben. Ein Olivetaner aus Siena, Matthäus Ronto (†1443), hat es dennoch in eine quantitierende Metrik umgedichtet, und zwar in ein elegische Distichen bestehend aus Hexameter- gefolgt von Pentameter-Versen:

 

◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—◡◡ˌ—  (Hexameter: sechs Metren)

◡◡ˌ—◡◡ˌ— ‖ —◡◡ˌ—◡◡ˌ  (Pentameter: zweimal zweeinhalb = fünf Metren)

Es folgt der Text aus den Analecta Hymnica XLVIII, 460, wie er im oben erwähnten Werk von Dreves & Blume: "Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung, . . .", 1909, inTeil I, S. 464, steht:

Matthäus Ronto († 1443)
Translatio in metrum hymni
Möglichst wortstellungserhaltende
Übersetzung ins Deutsche
Alma Dei genetrix et caeli ianua felix,
  fulgida stella maris, virgo perennis, ave!
Erhabene Gottes-Gebärerin und Himmels-Türe uns labend,
strahlender Stern des Meeres, Jungfrau immerwährende, ave! (sei gegrüßt)!
Id Gabrielis Ave, quae fortis ab ore tulisti,
  nos miseros funda pacis in arce ratae.
Es ist Gabriels Ave, was des Schicksals von seinem Mund hast fortgetragen;
uns Elende festige in einer Burg gültigen Friedens!
Quae celebranda parens mutasti nomen et Evae,
  tu mala nostra fuga, tu bona cuncta pete.
Die du zu verherrlichende Mutter geändert hast den Namen auch Evas,
du schlag in die Flucht unser Böses, du erbitte das gesamte Gute!
Vincula solve reis et profer lumina caecis
  matris et insinua te retinere statum.
Die Fesseln löse den Beklagten und trag voran die Lichter den Blinden,
und lass tief in dich eingehen, dass du beibehältst einer Mutter Stellung.
Te mediante preces pro nobis ipse capessat,
  qui vult esse tuus natus in orbe deus.
Während du vermittelst, nehme er selbst sich der Gebete für uns an,
welcher will sein der Deine, geboren auf dem Erdkreis als Gott.
Virgo super cuntos homines et mitis et alta,
  fac humiles, castos, nos bene labe luens.
O Jungfrau, mehr als alle Menschen milde und auch hochgestell,
mach uns demütig, keusch, uns gut von unserer Schande reinwaschend.
Da quoque purificae vitae munimina nobis
  ac iter impavidum cruraque tuta para,
Gib uns auch des reinigenden Lebens Schutzmittel
und zudem bereite uns eine beherzte Reise und sichere Beine.
Ut genitum speculando tuum solemur in aevum
  grataque laetitiae dona lucremur ibi.
damit wir im Ausschauen nach deinem Sohn uns trösten in Ewigkeit
und holde Geschenke der Freude gewinnen dort.
Laus benedicta deo patri natoque superno,
  spiritui sancto, sit tribus unus honor.
Lob gut gezeigt Gott dem Vater, dem Sohn auch sich oben befindend;
dem Heiligen Geist; es sei den Dreien die eine Ehre.
Amen. Amen.

Dasselbe lateinische Gedicht nochmal, jetzt aber statt meiner wörtlichen Übersetzung eine metrische Übertragung, akzentuierende Hexameter und Pentameter durchgehend daktylisch:

Matthäus Ronto († 1443)
Translatio in metrum hymni
Martin Bachmaier 2021
Metrische Übertragung ins Deutsche
Alma Dei genetrix et caeli ianua felix,
  fulgida stella maris, virgo perennis, ave!
Hehre Gebärerin Gottes und himmlische Türe uns labend,
strahlender Stern du des Meers, Jungfrau stets rein, sei gegrüßt!
Id Gabrielis Ave, quae fortis ab ore tulisti,
  nos miseros funda pacis in arce ratae.
Gabriels Ave es ist, dessen Schicksal vom Munde du fortträgst.
Mache im Glauben uns fest! Frieden uns Elenden gib!
Quae celebranda parens mutasti nomen et Evae,
  tu mala nostra fuga, tu bona cuncta pete.
Lob dir, o Mutter, durch's Ave verdreht hast den Namen der Eva,
Schlag unser Böses in Flucht! Alles, was gut ist, erbitt!
Vincula solve reis et profer lumina caecis
  matris et insinua te retinere statum.
Löse den Sündern die Fesseln, trag Lichter voran allen Blinden,
Tief grab es ein in dein Herz, dass eine Mutter du bist!
Te mediante preces pro nobis ipse capessat,
  qui vult esse tuus natus in orbe deus.
Während du mittelst, ergreif die Gebete für uns doch er selber;
der dir gehören will, Gott, den du auf Erden gebarst.
Virgo super cuntos homines et mitis et alta,
  fac humiles, castos, nos bene labe luens.
Jungfrau, die mehr du als alle Geschöpfe bist mild und erhaben,
demütig mach uns und keusch, wasche uns rein von der Schuld!
Da quoque purificae vitae munimina nobis
  ac iter impavidum cruraque tuta para,
Gib uns auch Schutz, der die Reinheit des Lebens verwirklichen helfe!
Mach, dass beherzt wir den Marsch gehen mit sicherem Schritt,
Ut genitum speculando tuum solemur in aevum
  grataque laetitiae dona lucremur ibi.
um, in der Ausschau nach Gott, deinem Sohne, getröstet auf ewig,
holde Geschenke des Glücks dort zu erhalten als Lohn.
Laus benedicta deo patri natoque superno,
  spiritui sancto, sit tribus unus honor.
Gott sei lobpriesen, der Vater, der Sohn in dem Schreine und oben,
so auch der Heilige Geist; diesen drei einzig der Ruhm.
Amen. Amen.

Die Versform folgt nicht durchgehend der klassischen Silben-Messung. So ist etwa das Schluss-"o"  von "virgo" und "speculando" kurz zu sprechen, eine Vokalkürzung, die bereits bei Venantius Fortunatus (6. Jahrhundert) belegt ist. Dass etwa Vergil bei "homo" ("Mensch") das Schluss-"o" kurz misst, entspricht dagegen klassischen Vokalkürzungsregeln; "homo" ist nämlich jambisch, was die Kürzung des Schluss-Vokals ermöglicht (wie etwa auch bei "tibi", "ibi", "ubi" usw.).

Das "ac" im drittletzten Verspaar sollte, da es vor einem Vokal steht, klassisch "atque" heißen, wobei dann das Schluss-"e" im Anfangs-"i" von "iter" aufgeht; nur dies garantiert die lange Silbe bei Pentameter-Beginn.

Dann folgt noch das Problem, dass man im späteren Latein offenbar geglaubt hat und möglicherweise immer noch glaubt, dass die Schlusssilbe eines Wortes, das mit einem kurzen Schlussvokal endet, auch kurz bleibt, sich also keinen Anfangs-Konsonanten eines nachfolgenden, mit vollweritgem Doppelkonsonanten beginnenden Wortes wie z. B. "stella" dazuschnappt. So mag man bei "fulgida stella" die Silbe "da" unbehelligt vom Anfangs-"s" in "stella" kurz lassen, stattdessen das "s" der langen Silbe, die eigentlich nur "tel" heißen sollte, vorausschieben und diese als "stel" noch länger machen. Doch in "retinere statum" funktioniert dieses Silbenschema nicht mehr. Die Metrik erfordert hier zwei kurze Silben bei "re-sta" oder "res-ta". Im ersteren Fall ist "re" zwar kurz, doch dann haben wir eine mit zwei Konsonanten beginnende Silbe "sta", die man nicht einfach, da sie mit einem Kurzvokal endet, als kurz bezeichnen kann. Sie hat zwei vollwertige Konsonanten (eine muta cum liquida, wie etwa "cr" kann man dagegen als einen Konsonanten sehen) und kann damit unmöglich schnell gesprochen werden. Und wenn man das "s" als selbstständigen Zischer von der Silbe "sta" nimmt, bleibt halt insgesamt "re-s-ta", also kurze Silbe, Zischer, kurze Seilbe, was die Metrik nicht vorsieht. Trennt man, dem tatsächlichen Sprechen nach "res-ta", so ist die erste Silbe lang. Bereits rein technisch können also nie zwei vollwertige Konsonanten am Übergang von einer kurzen auf eine kurze Silbe stehen.

All diese metrischen Sonderheiten sind Zeitzeugnisse der Dichtung der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Vom Ave maris stella abgeleitete deutsche Meersternlieder

Die folgenden deutschen Marienlieder haben das lateinische Ave maris stella als Grundlage:

Das erstgenannte Lied, "Meerstern, ich dich grüße", gibt dabei den lateinischen Ave-maris-stella-Hymnus großenteils wieder, enthält aber auch einiges Zusätzliche. Abgesehen von den dort vorkommenden O-Maria-hilf-Einschüben und dem Refrain, wäre es, ebenso wie die weiter oben niedergeschriebene Reimübertragung "Ave Stern der Meere" auf Melodie und Metrik des lateinischen Ave maris stella singbar.

Das zweite deutsche Meersternlied, "O Stern im Meere", weicht inhaltlich etwas weiter von der lateinischen Urfassung ab und ist auch metrisch anders aufgebaut.

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