«Maria zu lieben» versus «Maria dich lieben» 

«Maria dich lieben» von der Capella Bavariae

Der Text dieses Marienliedes aus dem 18. Jahrhundert

Alle neun Strophen von «Maria zu lieben»
1.
 
 
 
Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn.
In Freuden und Leiden ihr Diener ich bin.
Mein Herz, o Maria, brennt ewig zu dir
in Liebe und Freude, o himmlische Zier!
2.
 
 
 
Maria, du milde, du süße Jungfrau,
nimm auf meine Liebe, so wie ich vertrau!
Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein
im Leben und Sterben, dir einzig allein.
3.
 
 
 
Gib, dass ich von Herzen dich liebe und preis!
Gib, dass ich viel Zeichen der Liebe erweis!
Von dir mich nichts scheide, nicht Unglück noch Leid!
Dich lieb ich auf ewig, dich lieb ich allzeit.
4.
 
 
 
Ach, hätt ich der Herzen nur tausendmal mehr!
Dir tausend zu geben, das ist mein Begehr.
So oft mein Herz klopfet, befehl ich es dir.
So vielmal ich atme, verbind ich dich mir.
5.
 
 
 
Du Trost der Betrübten, zur Hilf sei bereit!
Du Stärke der Schwachen, beschütz mich im Streit!
Wenn wider mich kämpfen Fleisch, Hölle und Welt,
sei du mir als Zuflucht zur Seite gestellt!
6.
 
 
 
Du Meerstern, ich bitte, dein Licht auch erteil
verfinsterten Seelen zum ewigen Heil!
Die irren im Glauben, erleucht und bekehr
zur wahren Erkenntnis der christlichen Lehr!
7.
 
 
 
Verwandte und Freunde mit Leib und mit Seel'
ich dir, o Maria, auf ewig empfehl'.
Du Mutter der Gnaden, barmherzig und mild,
sei meine Patronin, mein Schutz und mein Schild!
8.
 
 
 
Gedenke, o Herrin, auch gnädig zu sein
den leidenden Seelen in Fegfeuers Pein!
Du bist ihre Hoffnung, dir rufen sie zu;
ach lass sie gelangen zur ewigen Ruh'!
9.
 
 
 
O Mutter, nun segne den ewigen Bund!
Dein Nam' mir versiegle das Herz und den Mund!
Sei bei mir im Tode, dann reich mir die Hand
und führ mich nach oben ins himmlische Land!

Noten und Text aus dem Jahre 1912

Im folgenden Notenblatt ist das Marienlied Maria zu lieben in G-Dur anstatt wie üblich in F-Dur notiert. Das mag daran liegen, dass früher der Kammerton a' etwas tiefer angesetzt war als heute.

 

Das Blatt ist ein Scan aus der Nr. 80 (Seite 354-355) des Gesangbuches Gottesdienst der Erzdiözese München und Freising vom Jahr 1912.

 

Da es schon älter als 70 Jahre ist, sind alle Autoren-Rechte erloschen, sodass es kostenlos herunter-geladen und frei verwendet werden darf.

 

Der Text zu den Noten besteht aus der 1., 2., einer leicht veränderten 3. und der 5. als 4. Strophe.

Der Vergleich von «Maria zu lieben» mit «Maria dich lieben»

Herz Mariens Das Herz-Mariä-Bild aus dem Haus, wo ich aufgewachsen bin

«Maria zu lieben» beinhaltet die Liebe zur Gottesmutter in einzigartiger Weise. Der Text war sehr beliebt, doch wurde er vom Redaktionsbericht zum damals neuen Gotteslob beanstandet und durch einen angeblich "`ebenso frommen und volksnahen Text «Maria, dich lieben» von Friedrich Dörr (1972) ersetzt. Dem Redaktionsbericht zufolge hat sich das neu getextete Lied, das in der Hauptsache nichts weiter als eine historische Erzählung ist, inzwischen sogar das "ehrende Prädikat eines wahrhaft evangelischen" Marienliedes erworben. Tatsache ist, dass die von Herzen kommende Liebe zu Maria an diesem Lied gänzlich verloren gegangen ist. Beim oben niedergeschriebenen, alten Text zeigt sich die kindliche Hingabe an Maria in jeder einzelnen der ersten vier Strophen, besonders schön jedoch, wenn es in der ersten Strophe heißt: "Mein Herz, o Maria, brennt ewig zu dir", und in der vierten: "Ach, hätt ich der Herzen nur tausendmal mehr! Dir tausend zu geben, das ist mein Begehr!" Solche Sätze kommen einer Ganzhingabe an Maria, dem "Totus tuus" von Papst Johannes Paul II., einer Marienweihe gleich. Die zweite Strophe macht die Mutter-Kind-Beziehung besonders deutlich klar: "Du bist ja die Mutter; dein Kind will ich sein".

Speziell zu «Maria, dich lieben» von Friedrich Dörr (1972)

Bei Friedrich Dörr geht es nicht mehr um das Verhältnis zwischen uns und unserer Mutter Maria, sondern fast ausschließlich nur noch um das Verhältnis Jesu zu seiner Mutter Maria. 

Zu den einzelnen Strophen:
1. Schon in der ersten Strophe wird angedeutet, dass die Mutterrolle Mariä auf Jesus, ihren leiblichen Sohn, ausgelegt ist. Nach "Dir wurde die Fülle der Gnade verliehn. Du Jungfrau, auf dich hat der Geist sich gesenkt" folgt nämlich: "du Mutter hast uns den Erslöser geschenkt." Sie wird zwar als Mutter, doch nicht als unsere Mutter tituliert. Uns ist nicht mehr sie, sondern nur noch ihr Sohn, der Erlöser, zugedacht.
2. Die zweite Strophe beginnt mit "Dein Herz war der Liebe des Höchsten geweiht". Es geht also nicht um unsere eigene Hingabe an Maria, die beim herkömmlichen Lied bereits in der ersten Strophe durch "Mein Herz, o Maria, brennt ewig zu dir" ausgedrückt war, sondern um die Hingabe Mariä an Jesus.
3. In der dritten Strophe wird dann die Rolle Mariä vollends klar. Dort wird sie mit "Frau aus dem Volke" betitelt, "von Gott ausersehn, dem Heiland auf Erden zur Seite zu stehn". Dabei hätten wir sündigen Menschen ihre Hilfe doch viel nötiger als ihr göttlicher Sohn. Mit der dann erwähnten "Sorge ums tägliche Brot" und der "Mühsal des Leben" wird sie dann selbst den ganz gewöhnlichen Menschen gleichgestellt. Eine Bitte, sie möge doch auch uns, die wir ähnliche Sorgen wie sie haben, allzeit mütterlich beistehen, folgt nicht im Anschluss daran.
4. Stattdessen wird in der vierten Strophe ihre Beziehung zu ihrem Sohn weiter ausgebaut: "Du hast unterm Kreuze auf Jesus geschaut; er hat dir den Jünger als Sohn anvertraut." Dieser Bibelstelle hätte man sehr einfach deren "mystische Deutung, die im Abendland seit dem späten Mittelalter herrschend wurde"' (Ludwig Ott: Grundzüge der Dogmatik, S. 258), anfügen können, wonach der Jünger Johannes der Vertreter der gesamten Menschheit war, sodass durch dieses Testament Jesu seine Mutter Maria unser aller Mutter wurde. Doch nein, Maria wird nicht zu unserer Mutter gemacht, stattdessen wird sie als Mutter der Schmerzen angerufen mit der Bitte: "o mach uns bereit, bei Jesus zu stehen in Kreuz und in Leid", was zwar wichtig ist, aber ohne ihren mütterlichen Beistand Mariä recht dürftig, fast trostlos ausfällt.
5. Erst in der fünften Strophe - für das Gesungenwerden reichlich spät - nimmt Maria noch eine gewisse Mutterrolle ein: "Du Mutter der Gnaden, o reich uns die Hand auf all unsern Wegen durchs irdische Land!" Allerdings wird sie hier als "Mutter der Gnaden" und nicht als unsere Mutter angerufen, was dem Ganzen mehr Zärtlichkeit verleihen würde. Im dritten Vers wird mit "Hilf uns, deinen Kindern, in Not und Gefahr" Maria als Helferin angerufen, als Mutter nur indirekt, indem wir ihre Kinder genannt werden. Doch wir wollen bei dieser Mutter nicht mal verweilen, sondern begnügen uns damit, sie zu bitten, uns bei der Erkenntnis ihres Sohnes behilflich zu sein: "Mach allen, die suchen, den Sohn offenbar!" Ihre Rolle wird also auf eine Nothelferin und ein Offenbarungs-Sprachrohr für Suchende reduziert.
6. In Friedrich Dörrs sechster und letzter Strophe soll uns Maria, "von Gott über Engel und Menschen gestellt", "das Heil und den Frieden der Welt" erflehen. Von einer Mutter-Kind-Beziehung wieder keine Rede. Das Ende dieser Strophe bringt nach den erhabenen Anrufungen "du Freude der Erde, du himmlische Zier" einen biblischen Teil des Ave Maria, der aber ebenso keine Beziehung Mariä zu uns beschreibt, sondern die Beziehung Mariä zu Jesus: "du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir."
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