Die Schrift rechts oben: Die fünf Verse des Hallelujah sind als Bustrophedon in Scriptio continua ausgeführt. Das Schriftband verläuft lückenlos ohne Worttrenner und vollzieht beim Zeilenwechsel keine visuellen Sprünge. Die Verse spiegeln die sprachliche und historische Vielfalt des sakralen Raumes wider: Der erste Vers steht in Hebräisch (in paläo-hebräischen Schriftzeichen), der zweite in Latein, der dritte im Aramäisch zur Zeit Christi (geschrieben in der eckigen reichsaramäischen Quadratschrift) und der vierte im christlichen Griechisch.Der fünfte Vers ist in Altnordarabisch verfasst. Er nutzt die safaitische Schrift (1. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.) der nomadischen Beduinen der syro-jordanischen Wüste.
Diese Zeichen leiten sich direkt von der monumentalen altsüdarabischen
Musnad-Schrift des antiken Jemen (Saba) ab, welche die Technik des Bustrophedons bereits in Staatsinschriften kultiviert hatte. Für die Felsritzung in der Wüste wurden diese Formen zu
charakteristischen Runen vereinfacht, aus denen sich über nabatäische Zwischenstufen letztlich die heutige arabische Kursivschrift entwickelte.
Jüngste epigraphische Funde in dieser Schrift – wie die berühmte Wadi al-Khudari-Inschrift – liefern zudem den bahnbrechenden Beweis für einen genuin christlichen, vorislamischen Ursprung des arabischen Jesusnamens: Durch eine lautliche
Verschiebung des Kehlkopflauts ʿAjin vom Wortende an den Anfang wurde aus dem aramäischen Jēschūaʿ(Jod, Schin, Ajin) in der Wüste die Form ʿĪsā (Ajin, Jod, Sin defektives Jod (= Alif
maqṣūrah)). Damit dokumentiert diese Schriftstufe, dass arabische Christen Jesus bereits Jahrhunderte vor dem Islam unter diesem Namen anriefen.
Bild links: Kathedrale von Monreale in Sizilien; Public Domain; Quelle:
Wikipedia/Wikimedia.
Bild rechts: Georg Friedrich Händel mit dem englischen König Georg I. auf einer Bootsfahrt auf der Themse, gemalt von Edouard Jean Conrad Hamman (1819-1888); Public Domain in den USA.
Die fünf Sätze rechts oben im Titelbild enthalten bereits den ganzen Text, aber in alten Schriftversionen. Im Folgenden wird die scriptio-continua- und majuskel-basierte Schreibwese nicht wiederholt, sondern die Verse vorwiegend in heutigen Schreibweisen gut lesbar gemacht.
.הַלְלוּיָהּ
Nam Deus hic omnipotens regnat.
Akzentuiert & quantitiert: Nam Déus hic omnípotēns rḗgnat.
Übersetzung: Denn dieser allmächtige Gott herrscht.
Anmerkungen:
Westsyrisch (westaramäisch) samt Vokalisation:
ܕܥܳܠܡܳܐ ܟܽܠ ܡܰܠܟܽܘܬ݂ܳܐ ܐܶܬ݂ܗܰܘܳܐ
.ܕܡܳܪܰܢܳܐ ܡܰܠܟܽܘܬ݂ܳܐ ܕܡܫܺܝܚܳܝܽܘܗ̱
| Transkription: | D'ōlmṓ kūl malkūthṓ ethhawṓ d'mōrā́nō malkūthṓ də'mschī́ḥōjū́h. |
In reichsaramäisch-basierter hebräischer Schrift samt biblisch-aramäischer (≈ ostsyrischer) Vokalisation:
דְעָלְמָא כֹּל מַלְכוּתָא אִתְהַוָא
.דְמָרָנָא מַלְכוּתָא דְמְשִׁיחָיוֹהּ
| Transkription: | D'ālmā́ kōl malkūthā́ ithhawā́ d'mārā́nā malkūthā́ də'mschī́ḥājṓh. |
Übersetzung (beider Schriften und Vokalisationen):
Der Welt gesamtes Königreich ist geworden
unseres Herrn Königreich, seines Gesalbten.
Anmerkungen:
di, Betonung, nicht, sh th, kol, ithhawa hajtah, Bedeutung; weil im vorausgehenden lateinischen Satz "Herr" fehlt: moran bedeutet schon Herr im Sinne Gott Vaters als Schöpfer aber auch Gott Sohnes des Erlösers.
Κρατήσεται αἰῶνας αἰώνων.
Transkription: Kratḗsetai aiṓnas aiṓnōn.
Übersetzung: Er wird herrschen Ewigkeiten von Ewigkeiten.
Aussprache (archaisch griechisch): Kratäsetai aiṓnas aiṓnōn.
Aussprache (altgriechisch): Kratḗsetæ æṓnas æṓnōn.
Aussprache (frühes Koiné, Zeit Christi): Kratḗsetä äṓnas äṓnōn.
Aussprache (heutig liturgisch): Kratī́sätä äṓnas äṓnōn.
Das αι, im archaischen Griechisch wie unser ai gesprochen, wurde bereits im Altgriechischen wie das Lautschriftzeichen æ, also näher bei a als bei ä, gesprochen, seit der hellenistischen Phase aber wie unser ä. Der Langvokal η (eta), transkribiert als ē, wurde ebenfalls nur im Archaisch-Griechischen wie ä gesprochen, im Altgriechen bereits wie unser e in Fee. Zu i wandelte er sich erst in den ersten drei Jahrhunderten nach Christus. Der Kurvokal e wurde ursprünglich wie e in Fee gesprochen, später erst wie ä. Der Langvokal ω, als ō transkribiert, wurde ursprünglich offen (wie in Loch) gesprochen, heute aber auch geschlossen (wie in wohnen). Die Plosive k, p und t sollte man nicht aspirieren, sondern eher wie gg, bb und dd sprechen.
.مَلْكْ مُلُوكْ وَرَبّْ أَرْبَابْ
Transkription & Aussprache: Malk mulūk warabb arbāb.
Übersetzung: König von Königen und Herr von Herren.
Kurzvokalkürzung: malik (König) wird zu malk (König):
Im Hocharabischen heißt König eigentlich malik. In Dialekten gibt es neben malak auch malk, und außerdem ist malk die protosemitische Wurzel, aus der auch das Wort für König im Hebräischen hergeleitet wird. Im Singular wird es da zwar zu mäläk sägoliert, im Plural heißt es dann aber doch malkim,sodass das i zwischen l und k fehlt. Man kann in der arabischen Poesie ohnehin jeden Kurzvokal kürzen. Kürzungen wie malik zu malk sind also nichts Außergewöhnliches.
Die altnordarabische Sprachebene im Detail:
Um die metrische und historische Genialität dieses Verses zu verstehen, müssen wir die drei Ebenen der Sprache betrachten, wie sie zur Zeit Christi und im 4. Jahrhundert n. Chr. existierten:1. Der reine Konsonantentext (Rasm)In der antiken safaitischen Runenschrift (wie auch in der späteren klassischen arabischen Schrift) wurden ausschließlich die Konsonanten und Langvokal-Anker geritzt. Die Kurzvokale und Grammatikendungen blieben unsichtbar. Das Schriftbild ist in seinen Konsonanten völlig identisch mit dem heutigen Hocharabisch:מלך מלוך ורב ארבאב(Konsonanten-Skelett: M-L-K M-L-W-K W R-B ʾ-R-B-A-B)2. Die hypothetische Vollform (Grammatische Aussprache)Im alltäglichen, fließenden Satzgefüge sprachen die Altnordaraber die alten semitischen Fall-Endungen (Kasusvokale) und das auslautende -n der unbestimmten Form (Nunation) noch voll aus. Ein Gelehrter der Antike hätte den Satz grammatikalisch so artikuliert:malku mulūkin wa-rabbu arbābin3. Die Pausalform (Die sakrale Poesie- und Gesangsform)Sobald ein Text jedoch feierlich rezitiert, als Poesie vorgetragen oder gesungen wurde, griff das uralte semitische Gesetz der Pausa. Am Phrasenende oder bei rhythmischen Dehnungen wurden alle kurzen Endvokale und das Nunation--n rigoros weggelassen.Es entstand jener markante, harte Stakkato-Klang, der im heutigen Arabisch die Norm ist, damals aber die gehobene Kunstsprache definierte:malk mulūk wa-rabb arbābGenau diese Pausalform ist es, die sich wie durch ein Wunder exakt auf die monumentalen, einsilbigen Notenwerte von Händels „King of Kings and Lord of Lords“ fügt.