Die Bilder oben: Links: der Erstdruck des Liedes im Speyerer Gesangbuch von 1599. Rechts: Älteste Überlieferung des Liedes aus dem 16. Jahrhundert. Handschrift 2363/2304 8°, folio 169r. Heute in der Stadtbibliothek Trier. Quellen in den Verlinkungen verwendet auch in Wikipedia hier.
In Jesaja 11,1 heißt es: "Egredietur virga de radice Iesse, et flos de radice eius ascendet." ("Ein Reis wird hervorkommen aus der Wurzel Jesse's und eine Blume aufgehen aus seiner Wurzel.")
Und der heilige Hieronymus (347–420 n. Chr.) schreibt in einem Kommentar zu Jesaja dazu: „Virga Virgo est; flos Christus.“(„Der Zweig ist die Jungfrau; die Blüte ist Christus.“) und legt fest: "Der Zweig (Maria) wächst aus der Wurzel Davids, und dieser Zweig bringt als organische Spitze die göttliche Blüte (Jesus) hervor."
Es ist ein kirchenhistorisches Faktum, dass die (der?) „Ros“ (die Rose) im Erstdruck des deutschen Liedes auf einem reinen Hör-, Schreib- oder Satzfehler des 16. Jahrhunderts beruht. Dieser Fehler wirkt sich insofern sinnentstellend aus, als die Rose ohnehin bereits was Blühendes ist. Man behilft sich dadurch, dass man die/den "Ros" als einen zunächst blütenlosen Rosenstock auslegt.
In der lateinischen Liedfassung halte ich mich aber an die Jesaja-Stelle und die Auslegung des heiligen Hieronymus, wonach Maria das Reis ist, aus dem Jesus als Blüte hervorgeht.
Alle lateinischen Silben unter einer langen (halben) Note tragen einen Langvokal, wobei man wissen muss, dass ein Kurzvokal am Ende eines Kolons, eines Verses hier, zum Langvokal wird. Die Silben unter einer kurzen (viertelten) Note sind, wenn sie Langvokal haben, offen und, wenn sie Kurzvokal haben, mit höchstens einem Konsonanten geschlossen. Das ermöglicht flüssiges Singen und, dass die Langvokale an kurzen Noten noch einigermaßen lang gesungen werden können, während alle Vokale, die musikalisch lang auszuhalten sind, auch tatsächlich lang sind.
Die Metrik ist zudem akzentuierend, d.h., dass alle Akzente auf betonte Noten fallen.
Der deutsche Text lässt mir "Ros" und "Blümlein" den Unterschied zwischen beiden kaum erkennen. Im Lateinischen bedeutet "rosa" nicht nur eine einzelne Rose, sondern auch einen Rosenstrauch oder Rosenstock. Der "flos" ist dann die Blüte dieses Rosenstocks.
| Lateinischer Text Martin Bachmaier 2026 |
Wörtliche Übersetzung ins Deutsche |
Speyer 1599 (katholisch, mit "Ros" statt "Reis") |
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| 1. | En orta virga vere. De qua radice? Qua? Maiores ut dixere, de Iesse regia. In conticinio frigentis floret brumæ cælesti flosculo. |
Da! Entsprungen ein Reis fürwahr. Von welcher Wurzel? Welcher? Wie die Ahnen sungen, von Isais königlicher. In der nächtlichen Schweigephase einer fröstelnden Wintersonnenwende blüht es mit einer himmlischen kleinen Blüte. |
Es ist ein Ros entsprungen / auß einer wurtzel zart / Als uns die Alten sungen / auß Jesse kam die Art / uñ hat ein blümlein bracht / mitten in kaltem Winter wol zu der halben nacht. |
| 2. | Qui flos? O proles dia, quæ virga prodita. Quæ virga? Nam Maria, quæ virgo regia iam parit integre, quem canit I-sa-i-as, æterno numine. |
Welche Blüte? O das göttliche Kind, das aus dem Reis hervorgebracht. Welches Reis? Maria halt, die als königliche Jungfrau nunmehr unversehrt gebiert, welchen weissagt Jesaia, nach ewigem göttlichen Willen. |
Das Röselein das ich meine / Daruon Isaias sagt / Ist Maria die reine / Die vns das blümlein hat bracht / Auß Gottes ewigem raht / Hat sie ein Kindlein gboren / Vnd blieben ein reine Magd. |
| 3. | O flos et nos odorans, lux per caligines! O virga nobis orans æternæ vitæ res! Quæ virga! Qualis flos! Quæ mutat nos in flores. Qui culpis purgat nos. |
O Blüte auch uns wohlriechend machend, Licht durch die Finsternisse! O Reis uns erbittend des ewigen Lebens Dinge! Welch' Reis! Was für eine Blüte! Dieses wandelt uns in Blüten. Die reinigt uns von den Verschuldungen. |
Das Blümle gantz alleine / das vns so wol gefelt / Mit seinem hellen scheine / Erleucht es alle welt / Vnd hilft vns auß dem leiden / Von sünd und tod errett. / Vnd führt vns zu den freuden. |