Die Unbefleckte Empfängnis Mariä nach den Visionen der Anna Katharina Emmerick

 Duns Scotus: “Potuit, decuit, ergo fecit.”

Johannes Duns Scotus, ein, wie der Name schon sagt, Schotte, war ein franziskanischer Theologe der Scholastik, bekannt auch als Doctor subtilis aufgrund seiner feinsinnigen Art. Bekannter ist allerdings seine Begründung der Unbefleckten Empfängnis Mariä: „Potuit, decuit, fecit.“ Damit ist gemeint: Gott konnte es, es ziemte sich, und somit hat es Gott auch bewirkt, dass die Gottesmutter ohne Erbsünde empfangen worden ist. Dieses Trikolon „Potuit, decuit, ergo fecit“ nun brachte ihm die Ehrenbezeichnung Doctor Marianus ein. Wie auch hier, bedeuten aber solche Doctores noch keine Ernennung zum Kirchenlehrer.

Mariä Unbefleckte Empfängnis wurde etwa noch von Thomas von Aquin strikt verworfen, während der Franziskaner-Orden sie bereits früh in einem Fest gefeiert hat.

Der Widerspruch zwischen Erbsünde und Unbefleckte Empfängnis

Nun gibt es aber ein Dogma über die Erbsünde, und dieses sagt:

Die Sünde Adams ist durch Abstammung, nicht durch Nachahmung, auf alle seine Nachkommen übergegangen. De fide.

Also müsste sie doch auch auf Maria als Nachkomme Adams übergegangen sein. Andererseits war es offenbar den Franziskanern damals schon klar, dass Gott nicht aus einem Leib geboren werden kann, der auch nur mit der kleinsten Sünde befleckt ist.

Die Mär von der Vorauserlösung und Erlösungsbedürftigkeit

Duns Scotus glaubte nun dieses Problem mit der Vorauserlösung Mariä lösen zu können. In der heutigen Philosophie, die den Gesetzen der Logik gerecht werden will, würde so eine Lösung nie und nimmer akzeptiert werden. Man kann nicht einen Teil dessen, was es zu zeigen gilt, nämlich die Erlösung der Menschheit, in die Voraussetzung mithineinnehmen: Um erlösen zu können, von einem bereits erlösten Leib auszugehen, ist eine Zirkelschluss-Argumentation.

Zudem würde sich somit der Widerspruch zum o. g. Erbsünden-Dogma nicht oder in einer seltsamen Weise lösen. Die Erbsünde wäre nach diesem Dogma auch auf Maria übergegangen. Sie wäre also mit ihr behaftet gewesen, doch aufgrund der Vorauserlösung sei sie bereits vor ihrer Existenz getilgt worden. Als Inhaberin der Erbsünde, bevor es sie (Maria) überhaupt gab, wäre sie immerhin erlösungsbedürftig gewesen. Eine Beleidigung der Himmelskönigin!

A. K. Emmerich und der Segen der reinen Mehrung

Eine befriedigende Erklärung der Unbefleckten Empfängnis gibt uns nur A.K. Emmerich in "Geheimnisse des Alten Bundes" auf Seite 33 bis 34:

"Es erschien mir als der Keim des göttlichen Segens zur reinen Mehrung, welcher von Gott dem Adam gegeben, ihm aber wieder entzogen ward, da er im Begriffe stand, auf Eva zu hören und in den Genuss der verbotenen Frucht einzuwilligen; es war der Segen, den Abraham wieder erhielt, der dem Jokob genommen und durch Moses wieder in die Bundeslade gegeben wurde, den zuletzt Joachim, der Vater Mariä empfing, auf dass Maria so rein und unbefleckt empfangen würde, wie Eva aus der Seite des schlafenden Adam hervorgekommen."
 

Und in "Leben der hl. Jungfrau Maria" lesen wir auf Seite 44, dass, während sich Joachims Opfer mit Wohlgeruch verzehrte, ein Engel zu ihm sprach:

 

"Seine Unfruchtbarkeit sei ihm keine Schande, sondern ein Ruhm, denn was sein Weib empfangen werde, solle die unbefleckte Frucht aus Gottes Segen durch ihn, solle der Gipfel des Segens Abrahams sein".

 

Und auf Seite 44-45 sieht Joachim während dieses Opfers in einer Lichtkugel zusammenhängende Bildern vom Falle bis zur Erlösung der Menschheit, darunter sah er

 

". . . den Empfang des Segens durch Abraham, die Übergabe des Segens an den Erstgeborenen von Abraham an Isaak, von Isaak an Jakob, dann, wie er Jakob durch den Engel genommen wurde, mit welchem er rang, hierauf, wie der Segen an Joseph in Ägypten kam und in ihm und seinem Weibe in einen höheren Grad der Würde trat, dann wie mit Reliquien Josephs und Asnaths, seines Weibes, durch Moses das Heiligtum des Segens aus Ägypten entführt, das Allerheiligste der Bundeslade, der Sitz des lebendigen Gottes unter seinem Volke ward; . . .".

 

Auf Seite lesen wir dann unter der Überschrift "Joachim empfängt den Segen der Bundeslade":

 

Ich sah hierauf, dass der Engel den Joachim des höchsten Gipfels, der heiligsten Blüte jenes Segens teilhaftig machte, den Gott dem Abraham gegeben und der endlich aus Joseph das Heiligtum der Bundeslade, der Sitz Gottes unter seinem Volke geworden war; er gab dem Joachim diesen Segen, in derselben Weise, wie mir bei anderer Gelegenheit gezeigt ward, dass Abraham durch einen Engel den Segen empfing, nur mit der Abweichung, dass der segnende Engel bei Abraham den Segen aus sich selbst, gleichsam aus seiner Brust, bei Joachim aber aus dem Allerheiligsten zu nehmen schien.

 
Unklarheiten
 
Die Bundeslade war zwar damals bereits verschwunden, doch war nach A. K. Emmerich im Allerheiligsten des damaligen Tempels eine neue Lade, in welcher noch einige Reste der Heiligtümer der ersten Bundeslade bewahrt wurden.
 
In Gen 32,23-33 steht, dass Jakob den Kampf mit dem Engel gewonnen hatte und daraufhin Israel (Gottesstreiter) genannt wurde und vom Engel gesegnet wurde. Von einem Segen, der ihm genommen wurde, steht nichts. Oder bedeutet die erwähnte Hüftverrenkung, dass ihm der Segen genommen wurde? Wieso aber war dann Jakob der Sieger?
Auf jeden Fall muss irgendwie der Segen von Jakob auf seinen Sohn Joseph gekommen sein, nach A. K. Emmerich durch den Engel in ebendiesem Kampf mit Jakob.
 
Folgerung
 
Aus dem ersten Zitat zum Segen zur reinen Mehrung wissen wir, dass Maria zwar von Adam abstammt, jedoch von Adam vor der Ursünde. Dieser „Segen zur reinen Mehrung“ war offenbar eine Art Same. Er ist der Gipfel des Segens Abrahams, hat bereits unter Joseph eine höhere Würde erlangt, unter welchem er das Heiligtum der Bundeslade geworden ist. Den Gipfel hat dieser Segen aber erst erreicht, als er dem Joachim gegeben wurde. Da war er der von der Ursünde unberührte Same zur Zeugung Mariä.
 
Die Auflösung des Widerspruchs der beiden Dogmen

Auf Basis dieser Information, Maria stamme nicht vom ursündenbeladenen Adam, sondern von einem Segen zur reinen Mehrung, der dem Adam vor seiner Sünde entnommen wurde, greift nun das Erbsünden-Dogma nicht mehr, denn die Sünde Adams kann nun nicht durch Abstammung auf Maria übergegangen sein, da sie ja dem Segen-Samen des Adams vor seiner Sünde entstammt.

Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariäe

Papst Pius IX. definierte am 8. Dezember 1854 in seiner Bulle Ineffabilis Deus:

Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.

Das falsche Verständnis des „im Hinblick auf“ (lateinisch: „intuitu“)

Der Ausdruck „intuitu“ („im Hinblick auf“) bedeutet keineswegs „wegen“ oder „auf Basis von“, wie das einige behaupten, um wieder die Mär der Vorauserlösung Mariä ins Spiel zu bringen, sie erlösungsbedürftig zu schimpfen und ihre Einzigartigkeit damit abzuwerten. Es bedeutet schlicht und einfach, dass Gott Marias Unbeflecktheit garantieren musste, weil sonst – nun blicken wir („intuemur“) auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechts – Jesus Christus nicht die Möglichkeit gehabt hätte, uns mittels der Verdiente seines Leidens und Sterbens zu erlösen. Es hätte sonst ja keinen sündenfreien menschlichen Leib gegeben, aus dem er hätte geboren werden können.

A. K. Emmerich sagt sogar explizit, dass, hätte Gott dem Adam vor seinem Sündenfall den Segen der reinen Mehrung nicht herausgenommen, eine Erlösung nicht möglich gewesen wäre.
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